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Die frühen wilden Jahre - Teil II

Trainerlegende Bruno Soce führte die Baskets in ihrer Premierensaison auf Anhieb zum Titel in der 2. Liga Nord. Foto: Friese

Fortsetzung von "Die Frühen wilden Jahre - Teil I"

Never change a winning team

Doch zunächst diskutierten Journalisten, Fans und Verein, ob ein angedachter Umzug in die Hardtberghalle eine sinnvolle Sache sei. „Größenwahnsinn“ sei das, hieß es. Die Halle fasste 3.000 Zuschauer, der Sportpark Pennenfeld offiziell 1.500, auch wenn zuweilen 2.000 drin waren.  Es hieß, die Hardtberghalle sei ein „atmosphärischer Eiskeller“, schon andere Clubs hätten versucht, ihn aufzutauen. Jedesmal vergeblich. Die Bundesliga-Ringer waren ebenso gescheitert wie die Bundesliga-Volleyballer des SC Fortuna Bonn. Es gab noch kein „Facebook“ oder „Twitter“, aber dank Michael Magers Nachtschichten eine Baskets-Homepage und ein Fanforum, auf dem man – mit echtem Namen und ohne Pseudonym – alles diskutierte. Natürlich auch die Hardtberghallenfrage. Eine dominante Meinung gab es nicht. Eher zu den neuen Erstliga-Ticketpreisen: zu hoch! Schließlich wagten wir den Umzug auf den Hardtberg. Erste Unternehmen meldeten sich als Sponsoren. Hoogs Cutting Systems GmbH und die Germania GmbH sind noch heute dabei. Wie viele Dauerkarten-Inhaber aus Pennenfeld-Zweiten auch. Aus heutiger Sicht: Da reifte etwas.

Natürlich war Bruno mit dem Abpfiff der Zweitliga-Saison schon gedanklich bei der neuen Mannschaft. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie wenige Eingeweihte eines Abends voller Erwartung ins Pennenfeld fuhren. Ein Spieler aus Kroatien sollte vorspielen. Bruno hatte ihn in höchsten Tönen gelobt. Aber den Namen – Sinisa Kelecevic – hörten auch Experten und alle, die sich dafür hielten, zum ersten Mal. 2,04 Meter groß, hager, flink, Power Forward. „Wow“ – wie der sich und den Ball bewegte, perfekte Handwechsel links/rechts, und so ganz genau konnte man es nie sehen, wie der sich samt Ball um die Gegenspieler schlängelte und ihn im Gewirr von Armen einnetzte. Den nehmen wir! Es kamen noch Gunther Behnke und Sebastian Machowski von ALBA Berlin. Ansonsten: Never change a winning team.

Hinter den Kulissen war es wie immer: Eintrittskarten druckten wir mit heimischen Laserdruckern. Eine Geschäftsstelle gab es (noch) nicht, dafür gingen in vielen Privatwohnungen erst nachts die Lichter aus. Die einzigen Hauptamtlichen waren Bruno und Arvid, der Rest arbeitete für sein Hobby. Dahinter agierte die Telekom-Agentur „SponsorPartners“ mit strenger Hand: Bandenhöhen, Wandfahnen, überhaupt das Design eines Heimspiels. Die professionellen Begleiter waren strenge Zuchtmeister. Manchmal wehrten wir uns, meist nicht. Zudem brachten wir unser eigenes Kreativpotenzial ein: Frank Piontek, Johannes Weber, Roland Weigelt und viele andere. Basketballspiele mutierten in Bonn sehr früh zu „Events“, und Standards gab es in der Veltins-Bundesliga 1996/97 nur rudimentär. Wir sparten und sparten, um ein DM-Maximum fürs Sportliche (Teametat) zu erreichen. Bloß nicht absteigen! Wir gründeten einen VIP-Raum, der den Namen halbwegs verdiente und steigerten uns von Mettbrötchen plus Kölsch (Pennenfeld) zu einem ordentlichen Büfett. Doch da war ein Problem in der Hardtberghalle: Es gab nur einen Raum, der sich dafür eignete, aber der war der Trainingsraum der Bundesliga-Ringer. Mannshohe Trainingspuppen, Matten und Gewichte. Alles roch – nach Schweiß. Alles musste vor einem Baskets-Heimspiel raus (und danach wieder rein) und der unsichtbare Sportlerduft auch. Monika und Norbert Pütz samt Helfern bildeten die VIP-Raum-Crew und hatten stets eine Menge zu tun und manchmal half ein – dosiert eingesetztes – Raumluftduftspray.

Die Hauptrunde war ein Auf und Ab, und wir zeigten: Wir können mehr als nur mithalten. Die Playoff-Teilnahme hing Anfang März 1997 am seidenen Faden: Bonn musste am letzten Spieltag ausgerechnet bei Tabellenführer ALBA Berlin gewinnen. Durch einen „Steal“ von Eric Taylor in den letzten Sekunden gegen den heutigen Berliner Trainer Sasa Obradovic konnte Berlin nicht mehr reagieren, und die Baskets feierten ihr 70:68 wie eine Meisterschaft. Das bedeutete Playoffs, und da man durch einen besseren direkten Vergleich auf Platz sieben landete, hieß der Viertelfinalgegner – ausgerechnet – Rhöndorfer TV, der eine starke Hauptrunde gespielt und die Baskets zweimal hauchdünn (64:63, 78:77) geschlagen hatte. Für die Fans auf beiden Seiten des Rheins gab es nichts Kribbeligeres als die Vorstellung, alle zwei, drei Tage ein Lokalderby auf Erstliga-Playoff-Niveau zu sehen.

Klaus Perwas - der "Feldherr" vom Hardtberg

Als Aufsteiger im Finale

Allein der Kampf um Eintrittskarten produzierte eine Anekdote nach der anderen. Bonner betrogen Rhöndorfer, Rhöndorfer Bonner. Jeder sagte, er wäre von der anderen Seite, um ein Ticket zu bekommen. Einen Online-Ticketshop gab es nicht, nur Vorverkaufsstellen: Bares gegen Ticket. Am Rhöndorfer Menzenberg passten 1.500 in die Halle, in die Hardtberghalle mit Sonderpodesten, „Hering-in-der-Büchse-Komfort“ und allerlei Goodwill 4.100. Damals spielte man eine Viertelfinal-Playoff-Serie noch nach dem Best-of-Seven-Modus: Wer vier Siege hatte, war im Halbfinale. Zunächst hatte Rhöndorf zwei Heimspiele (63:60, 69:75) hintereinander, dann Bonn (77:85/1:2, 80:76/2:2). Die Spannung stieg. Bonn gewann das 5. Spiel in Bad Honnef 93:75, schließlich der Showdown auf dem Hardtberg. Die Schlussphase des legendären sechsten Spiels ist seit diesem Jahr auf Youtube zu sehen. DSF hatte live übertragen und Kommentator Michael Körner schrie nach dem 82:80 per Dreier durch Jan Rohdewald ins Mikro: „Ich sehe nichts mehr, alle springen auf, die verrückten Fans, zum Glück rettet mich mein Monitor.“ Gegenzug: Dreier von Steven Key (82:83). Noch 10 Sekunden. Perwas dribbelt, driftet in die Zone, passt raus zu Jan: Dreier! 85:83! Wir, der Aufsteiger, stehen im Halbfinale – und ganz Bonn Kopf. Außerdem 16.800 Zuschauer in sechs Lokalderbys. Kein Basketballkreis Deutschlands als der Bonner hatte das zu bieten, denn Bad Honnef war basketballverwaltungstechnisch „eingemeindet“.

Damals: weder Livestream noch Livescore. Das Internet steckte in den Kinderschuhen. Radio Bonn/Rhein-Sieg nutzte seine Chance. Am 18. April 1997 1. Halbfinale (Best-of-Five-Modus) in Bamberg. Halb Bonn klebte am Radio wie an einem Volksempfänger. Sieg! 88:74! Die Baskets bestanden aus prallem Selbstbewusstsein. Es wurde ein glattes 3:0. Heute sagt man schnell mal „geil“ oder „Wahnsinn“, damals traf das alles im Kern zu. Der erste Aufsteiger in der Geschichte des deutschen Basketballs stand im Finale – gegen ALBA Berlin, das nach der langen Leverkusener Dominanz nach einem Titel dürstete.

Der Mann mit der linken Klinke und derjenige, der den "Wurf vom Parkplatz" auf die Reise brachte: Sinisa Kelecevic und Eric Taylor

Englische Sitzflächen

Bei „Sport-Partner“ standen die Fans nach Tickets an. Eine 800 Meter lange Schlange zog sich Richtung Friedensplatz. In Duisdorf vor der Boutique „Ballyhoo“ oder in Bad Godesberg vor „Sport Christel“ schliefen die Fans nachts in Campingstühlen. Das Fernsehen drehte jetzt sogar zum Kartenvorverkauf. Die Baskets und ihr Fanclub „erfanden“ die ersten Sonderzüge in der Basketball-Bundesliga. Zunächst lief alles nach Berliner Plan und wohl auch nach den tatsächlichen Leistungsverhältnissen: Berlin gewann zu Hause 94:88, in Bonn gar mit 109:78. Das dritte Spiel erschien nur noch Formsache zu sein, trotzdem schnurrte in der Nacht zum 11. Mai 1997 ein ziemlich langer Sonderzug nach Berlin. Auf der Rückfahrt drohten die auf den Gleisen tanzenden Sambawagen den gesamten Zug – irgendwo im Osten – zu verunsichern. Was war passiert? Die Baskets hatten unerwartet zurückgeschlagen. Eric Taylors legendärer „Wurf vom Parkplatz“ besiegelte vor 9.000 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle Berlins Niederlage (77:78). Die Luftballons unterm Hallendach, die anlässlich des 1. Berliner Titels zum Abregnen warteten, blieben oben, wie auch die Korken in den Sektflaschen.

Es war dann jedoch genug mit den Bonner Basketballmärchen. Berlin gewann das 4. Finale in Bonn mit 98:81. Wir richteten eine würdige Meisterfeier aus, und in der Hardt- berghalle war nach dem Match keine Spur von Traurigkeit. Ganz im Gegenteil. Fast vergessen: „Kele“ (Kelecevic) wurde – Bruno hatte den Richtigen ausgewählt – mit 783 Punkten Baskets-Topscorer, dicht dahinter Eric Taylor (702).

Ich schildere das alles so ausführlich, weil die Spielzeiten 95/96 und 96/97 in vielerlei Hinsicht eine Basis legten: Identifikation, Dauerkarten, Sponsoren, das Standing in der „Kulturstadt Bonn“, die sich nebenbei auch „Sportstadt“ nannte. Sie honorierte das stürmische Basketballinteresse und erfüllte eine Liga-Auflage: Holzparkett. 600.000 DM. Zudem hatte die Stadt eine kleine Zusatztribüne unter der Anzeigetafel angeschafft. Denn „ausverkauft“ war immer häufiger zum Problem geworden. Die Hardtberg- halle war eine Vierfach-Schulturnhalle, und obwohl damals alle – Stadt, Hardtbergschulen, Baskets – an einem Strang zogen, wuchs sich der Aufwand für jedes Heimspiel zu einer kraftraubenden Tagesveranstaltung (inkl. Auf-Abbau) aus. Die Zusatztribünen mussten auf-/abgebaut, weggetragen und in (zu) kleinen Lagern der Hardtberghalle verstaut werden, von den 63 Rollbanden-Elementen à 100 Kilo ganz zu schweigen.

Diese ermüdende Prozedur verschlimmerten wir nun noch, indem wir die Zuschauerkapazität dauerhaft von 3.000 auf 3.500 erhöhten; wir ließen in England eine Zusatztribüne längs des Spielfelds maßschneidern, die auch von den oberen fest installierten Tribünen begehbar war. Auch die musste jedesmal auf- und abgebaut werden, und Hans-Günter Roesberg entwickelte sich damals zum Allround-Hallenfachmann. Die Stadt Bonn unterstützte die Baskets damals tatkräftig und stellte dem Baskets-Ehrenämtlerheer für jedes Heimspiel zusätzliche Bizepsenergie zu Verfügung.

Investitionen in die Zukunft

Dennoch gingen alle, je länger die Saison dauerte, zunehmend auf dem Zahnfleisch. „Roesi“ schilderte die Situation vor einem Spitzenspiel einmal dem General-Anzeiger: „Am Sonntag kommt nicht nur Sat.1, sondern auch der WDR und NRW-TV, ferner einige Radiosender. Die meiste Arbeit verursacht die Verkabelung, mehrere Kilometer durchziehen dann die Hardtberghalle. Alles muss so sicher verklebt werden, dass keine Stolperfallen für die Zuschauer entstehen. Der Aufwand ist also riesig, um eine Schulturnhalle jedes Mal in eine TV-Event-Arena umzuwandeln. Ab Montagmorgen ist die Hardtberghalle dann wieder eine Vierfachturnhalle für den Schulsport. Als wäre nichts gewesen . . . Aber schon 24 Stunden später geht es wieder von vorne los, denn am Dienstag haben wir ein wichtiges Korac-Cup-Heimspiel.“

Die Kosten der Investition (Zusatztribüne) waren für unsere Verhältnisse schwindelerregend. 250.000 DM. Kein Pappenstiel, wo wir doch jede Mark im Bereich „Sonstiges“ dreimal umdrehten, um den Teametat zu verteidigen. Deshalb machten wir auch alles selbst: Homepage, Eintrittskarten, Broschüren jeder Art etc pp. Die Zusatztribünen-Entscheidung war aus Teametat-Gründen natürlich heftig umstritten, und Bruno Socé war – nachvollziehbar – ihr heftigster Kritiker.

Damals zeichnete sich ab, dass es eine neue, größere Halle für die Baskets, etwa gebaut von der Stadt Bonn, nicht geben würde. So erschien mir die Investition sinnvoll. Vor allem Arvid Kramer, der damals nicht nur Sport-Manager, sondern auch Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter der Bundesliga-assoziierten Baskets-GmbH war, sah es ähnlich wie Hans Braun und ich, jedoch hatten Baskets-e.V.-Präsident Braun und Bundesliga-Abteilungsleiter Wiedlich in dieser Frage faktisch nur Einfluss, aber „keine Macht“.

Ich gehe auf diesen Konflikt – heute 2014 – so ausführlich ein, weil er beispielhaft für alle künftigen Finanzdebatten im Club steht. Heute wie damals zerrt nicht nur der Cheftrainer am Gesamtetat: Event-Crew, Nachwuchs-Abteilung, Hallentechnik, die Liga mit ihren Standards, Spieler, Geschäftsstellen-Personal, Catering, Cheerleader und und und. Heute muss dann in einem Basketballclub mit eigener Halle schleunigst – zum Beispiel – eine Schneeräummaschine her. Die Zusatztribüne war damals eine Investition in unsere Zukunft, in die Infrastruktur, und ein Club entwickelt sich nicht fort, wenn alles Geld ins Team fließt und im Presseraum ein Faxgerät (heute W-Lan) steht, dass nur manchmal funktioniert.

Mit Hurl Beechum 1998 der "Gunman aus Iowa" auf den Hardtberg.

Frisches Blut

Socés herausragende Trainerleistung und seine Unterstützung durch den Club blieben keine Eintagsfliegen. Das gesamte Umfeld wuchs mit. Organisation, Scouter und vieles mehr. Die Journalisten stellten viele Fragen, Hans und ich antworteten stets, dass „Herzblut und Profession sich beflügeln“. Zur Saison 1997/98, die per Korac-Cup auch unsere erste europäische werden sollte, stießen Drazan Tomic und Steven Hutchinson zu uns. Immer noch bildeten fünf Spieler aus dem Aufstiegsteam 50 Prozent des Kaders. Die Spielzeit endete mit einem weiteren Ausrufungszeichen: Zweiter der Hauptrunde. Dann die Playoffs: Klaus Perwas und Eric Taylor spielten unter starken Schmerzen. Das 1:4 gegen Ulm in den Viertelfinals deutete einen Umbruch an. Perwas beendete seine Karriere, Taylor ging zurück in die USA. Es kamen Oliver Braun, Ivo Josipovic, Derrick Phelps, Branko Klepac – und Hurl Beechum. Frisches Blut für die nächsten Aufgaben.

Ja, Hurl Beechum. Arvid hatte ihn „entdeckt“. Hinter Beechum lag eine beeindruckende Karriere in einem durchschnittlichen US-College. Er hatte sich verletzt, kellnerte zuletzt auf Hawaii. Bruno war mehr als skeptisch: „Was sollen wir mit Kellner aus Hawaii?“ Es deutete sich wieder etwas an, was ich schon kannte: Arvid contra Bruno oder umgekehrt, das für die Baskets so unendlich fruchtbare Pärchen. Beechum flog ein, spielte im Bonner Fechterzentrum vor. Ich nutzte meine Mittagspause und flitzte Richtung Fechterhalle. Da stand also Hurl Beechum allein mit Ball auf dem Feld – und spielte vor. Bruno schaute gelegentlich hin, meist jedoch weg. Arvid schien ziemlich überzeugt und setzte sich schließlich durch. Damit stand „der Kellner“ als Rookie im Team, und diese Anekdote muste erzählt werden, denn Beechums Schatten sollte ja recht lang ausfallen – bis zu einer Quizfrage auf der Bühne der Teampräsentation 2014/15.

Gestatten: Epstein Barr

Abseits der Beechum-Personalie erlebten wir im Vorfeld der Saison 1998/99 das totale Desaster und einen Schicksalsschlag:  Im Sommer 1998 starb unser Präsident Dr. Hans Braun nach einem Krebsleiden – mit nur 58 Jahren! Wie beschrieben, war er wesentlicher Weichensteller gewesen, und wenn ich ihn beschreiben sollte, dann so: „Der Umgang mit Geld oder das Klein-Klein der Listenführung waren nicht sein Ding, aber man hätte ihn nachts irgendwo wecken und auffordern können: Hans, erkläre uns jetzt Mal die Unterschiede zwischen Marx, Hegel und Nietzsche.“ Hans konnte nicht nur das. Ein außerordentlich geistreicher Mensch,  rhetorisch mehr als nur begabt und selbst in vermeintlich aussichtslosen Situationen tröstete sein feinsinniger Humor. Und wenn wir im Baskets-Innercircle mal entspannt waren, vibrierten alle Lachmuskeln. Stand wieder einmal ein Misthaufen vor uns, pflegte Hans zu sagen: „Wenn es keine Probleme gäbe, wären wir ja überflüssig.“

Nun gab es ein großes Problem, weil Hans weg war. Für uns war es menschlich und für die Außendarstellung größer als in der Sache, während die Außenwelt das Gegenteil glaubte. Es war uns damals nicht bewusst, wie sehr wir seit ein paar Jahren im Rampenlicht standen, was möglicherweise jetzt die falschen Personen anziehen würde. Jedenfalls mischten sich nun diskret verstärkt Externe ein und machten Baskets-Präsidenten-Nachfolger-Vorschläge. Uns wurde angst und bange. Draufhin hieß es: „Du musst es machen!“ So wurde ich Baskets-Präsident, und ich lernte, dass die Baskets-Außenwelt mich nun leider anders betrachtete. Und wenn es mal nicht rund lief, wurde der unvermeidliche Kalenderspruch ausgepackt: „Der Fisch stinkt vom Kopf“.

Kaum hatten sechs Baskets Hans’ Sarg in Bad Godesberg zur letzten Ruhestätte getragen, brach ein Virus über uns herein, dessen Namen ich zum ersten Mal hörte: Epstein Barr. Viele tragen ihn angeblich in sich, ohne dass er stört. Wenn er jedoch aufwacht, löst er das Pfeiffersche Drüsenfieber aus und vergrößert die Milz. Die kann reißen, wenn Leistungssportler ihr Pen-sum einfach weiter durchziehen. Faustregel: drei bis vier Wochen Trainingspause. Ausgerechnet Beechum hatte das Virus aus den USA mitgebracht – zum Trainingsauftakt. Bruno machte, was er immer zur Saisonbeginn machen ließ: laufen, laufen, laufen. Kondition tanken. Bald lag Beechum als erster mit hohem Fieber im Bett. Weitere folgten. Die Diagnose war eindeutig. Eine komplette Profi-Mannschaft war außer Gefecht gesetzt und wir schockiert. „Wenn es keine Probleme gäbe, wären wir ja überflüssig“ … Aber was tun? Bruno wankte zwischen empört und konsterniert, manchmal bezweifelte er aus Verzweiflung die Diagnose; er empfand alles als Höchststrafe, trainierte jetzt mit zwei Spielern und schrie den angereisten TV-Leuten stets „Katastrophe“ ins Mikrofon.
Die Bonner Viruskrise war damals im Spätsommer 1998 ein großes überregionales Medienthema, und selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschäftigte sich in vielen Zeilen mit Virus und Profisport und Baskets und zählte die Todesfälle unter Spitzensportlern auf. Auch Michael Kochs Begegnung mit dem virulenten Winzling wurde erwähnt; er musste ein halbes Jahr als Spieler pausieren. Kamerateams bestürmten die Praxis von Dr. med. Peter-Martin Klassen, unserem Team-Internisten. Seine Patienten fragten: „Wird hier jetzt auch noch eine Medizin-Soap gedreht?“ Doch die Liga-Konkurrenz dachte an einen genialen Trick, was nicht ausgesprochen wurde, aber durch das misstrauische Verhalten offenkundig war. So musste das Gesundheitsamt ran und die Befunde offiziell bestätigen. Inzwischen waren Virus und Erkrankung auch  in das Umfeld des Teams eingezogen.

Ergebnis: Am 4. September 1998 startete die Liga ohne uns. Drei Spieltage lang waren wir nur Zuschauer. Langsam krabbelten die Spieler, hochgeppelt mit allerlei das Immunsystem stärkenden Substanzen, wieder aus den Betten. Sie waren schwach, aber willens. Am 18. September das erste Saisonmatch, ein Heimspiel gegen Bayreuth. Die kraftlosen Leistungsträger mussten früh raus, es schlug die Stunde der Nachwuchsleute Ladislau Kabat und Arthur Kolodziejski. 2.800 Zuschauer sahen einen imposanten 88:59-Sieg des „Virusteams“ gegen verunsicherte Oberfranken. Bayreuths Trainer Georg Kämpf brachte es danach auf den Punkt: „Meine Spieler schienen den Krankheitszustand ihrer Gegner besser im Kopf zu haben als deren Spielsystem.“

Es lief bei uns immer besser. Am 24. Oktober 1998 stellte „Gunman“ Beechum im Heimspiel gegen Trier (102:93) mit 12 erfolgreichen Drei-Punkte-Würfen einen neuen Pro-Spiel-Ligarekord auf. Als wir einmal ein Heimspiel verloren hatten, sagte Bruno in seiner unnachahmlichen Art bei der damals noch öffentlichen Pressekonferenz: „Warum verloren? Zu wenig Reponds, richtige Center fehlt, musst Du Präsident fragen, warum Zusatztribüne gekauft.“ Tja, so war das damals. Die Baskets kämpften am letzten Spieltag „trotz Zusatztribüne“ sogar um die Tabellenspitze in Berlin: 1.300 Bonner Fans pilgerten am 12. März 1999 per Sonderzug – zu einem Hauptrundenspiel! – in die Hauptstadt. Als die Baskets aufliefen, fehlte jedoch die außerordentliche Spielintelligenz von Derrick Phelps. Verletzt. Es gab eine Klatsche: 63:85. Beechum platzierte Dreier Nr. 110 und Nr. 111 und thronte jetzt ganz oben in der Dreier-Ewigenbestenliste der Liga.

Die Playoffs begannen. Bonn, Zweiter, fegt Ulm, Siebter, weg. Das Halbfinale lautete – ach, wie ist das schön – Bonn-Rhöndorf. Auf beiden Seiten des Rheins waren die Fans wieder von Jetzt auf Gleich elektrisiert und Tickets Mangelware. Inzwischen regierte der Best-of-Five-Modus: Bonn führt 2:1. Der 25. April 1999 war ein warmer Sonntag, frühsommerliche Temperaturen wärmten den Menzenberg. Es wurde ein unglaublicher Schlagabtausch, Rhöndorf spielt Alles oder Nichts. Doch „der Kellner“ in Bonns Reihen schenkt immer einen mehr ein: Beechum traf 11 Dreier (88:95). Nach dem Match sagte Rhöndorfs Mäzen Franz-Ludwig Solzbacher, dass das das letzte Rhöndorfer Bundesliga-Heimspiel gewesen sei: „Bis zum 30. April soll alles über die Bühne sein.“ Er meinte den Lizenztransfer nach Frankfurt.
Im grenzenlosen Bonner Basketballjubel titelte der „Express“ zur Frühlingszeit: „Bonn ist total jeck“, und auch BILD Deutschland schaltete sich ein: „Der Hardtberg ist der Betzenberg des Basketballs.“ Nur ALBA Berlin war das Problem. Wieder gegen die. Die Medien hatten ihre Themen gefunden: Alte gegen neue Hauptstadt, Socé gegen Pesic, das Duell der Freunde. Am 10. Mai 1999 gegen 21.40 Uhr stand fest, dass Bonn Berlin ein 5. und alles entscheidendes Finale aufgedrängt hatte (Berlin-Bonn: 71:62, 77:91, 62:58, 53:60). 10 Minuten später sagten (so schnell ging das damals) OB Bärbel Dieckmann und Stadtwerke-Chef Hermann Zemlin, dass in 48 Stunden 23 Busse für den Berlintrip zur Verfügung stünden, sofern die Baskets alles Logistische geregelt bekämen. Bekamen wir! Aber 23 Busse reichten nicht. Es wurden die verrücktesten 48 Baskets-Stunden, die ich je erlebt habe. Die Oberschaffner in unseren Reihen, Lutz Beine und ich, hatten inzwischen jede Menge Sonderzug-Knowhow, aber würden genug Sponsoren so kurzfristig helfen? Jeder 1.000-DM-Betrag senkte die Fanpauschale (Fahrt und Ticket). Trotzdem musste mal eben über Zehntausende DM entschieden werden. Würde ein Sonderzug bei 23 Bussen Zug trotzdem voll?

Mit dem "Rheingold" (im Bild oben Derrick Phelps) und 23 Bussen nach Berlin (1999).
Über 5.000 Fans verfolgen vor der Großbildleinwand auf dem Bonner Marktplatz das 5. Finale in Berlin (1999).
Empfang des Vizemeisters 1999 auf dem Bonner Münsterplatz mit Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann samt Eistorte.
2000 markieren die Baskets mit 18.506 Zuschauern in der Kölnarena einen neuen Europarekord.

Ein tiefgekühlter Fingerzeig

Bei der Deutschen Bahn hatten wir „noch einen gut“, weil der letzte Sonderzug ohne Innenbeleuchtung und kaltes Bier durch die Nacht gerauscht war. Toll: Nun packte die Bahn den „Rheingold“ mit Panorama-Wagen aus. Aus Wikipedia: „Rheingold ist der Name eines Luxuszuges der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft und eines Trans-Europ-Express der Deutschen Bundesbahn.“ Einen Oldtimer mit Waggons von anno 1928 fanden wir für diesen Anlass durchaus angemessen. Es gab nur ein klitzekleines Problem: Es waren gerade keine Schulferien.

Am Morgen des 12. Mai 1999 vor der Beethovenhalle: 23 Busse da, wie versprochen. RTL-Kameras auch. Sie filmten viele Schüler, die einstiegen. In den Schulen hagelte es Schein-Krankmeldungen. Die Schüler waren nicht blöd und stiegen mit einer Pappe oder Zeitung vor dem Gesicht in die Busse, und RTL konnte nur Baskets-Vermummte filmen. Ich riss Tickets an einem Zollstock. Zwei Meter waren rund 10 Tickets. Alles musste schnell gehen. Wir warfen die Tickets in die Busse. Der „Rheingold“ rollte bald im Hbf Bonn ein. Als ich ankam, waren die Bahnsteige schon von „Magenta-Menschen“ bevölkert. Stunden später Anpfiff in Berlin: Bonn führte 12:7. Ich hörte, dass auf dem Bonner Marktplatz nochmal 6.000 auf eine Leinwand starrten. Tatsächlich so viele, und den Begriff „Public viewing“ gab es noch nicht. Kurz vor der Halbzeit führten wir immer noch in Berlin. Mitten in dem ganzen Tohuwabohu funkte es in meinem Kopf: Sollten wir Meister werden, wären wir wohl der erste Club in Deutschland, der auf eine Euroleague-Teilnahme verzichten müsste, denn die Hardtberghalle war dafür nicht tauglich. Zu klein.

Doch dazu kam es nicht: Binnen vier Minuten zog ALBA Berlin in der 2. Halbzeit davon. Und die Baskets waren stehend k.o.: 68:91. Sehr deutlich. 48 Stunden danach, am 14. Mai 1999, war die Schmach vergessen. Auf dem Münterplatz feierten wir die Party „Vom Virus zum Vize“. Tausende waren gekommen, und die Spieler fuhren in Cabrios durch die Menge. Jeder bekam vor der Bühne eine rote Rose in die Hand gedrückt – und Paolo Granatella überreichte OB Bärbel Dieckmann eine Speiseeis-Skulptur, die unschwer eine Halle erkennen ließ. Ein tiefgekühlter Fingerzeig auf das, was den Baskets für den nächsten Sprung fehlte. Vom Hofgarten wurde ein Feuerwerk von einem Pyro-Vize-Weltmeister abgeschossen, dazu klassische Musik. Was für ein Baskets-Abend. Am Himmel funkelten die Sterne der Raketen und aus den Lautsprechern tenorte Andrea Bocelli „Time to say goodbye“. Als der letzte Kunststern verglühte, war die Saison beendet und – wie keine andere – ins Gedächtnis eingebrannt.

Rekorde und Tränen

Es folgten weitere 15 Baskets-Jahre mit drei weiteren Vize-Meisterschaften, von denen eigentlich eine eine Meisterschaft (ihr wisst schon: 2009 in Oldenburg) war. Wenn man ans Erinnern und ins Schreiben über die Baskets kommt, erweisen sich 30.000 Zeichen dann doch als wenig. Man muss sich entscheiden: Entweder man verteilt 30.000 Zeichen auf 20 Jahre und fliegt stenomäßig über Spielzeiten und Ereignisse hinweg oder man schreibt – gewissermaßen als Zeitzeuge – auf, was man für wichtig hält. Ich erachte die Jahre 1991 bis 1999 für die wichtigsten, auch wenn viele heutigen und vielleicht sogar die meisten Leser damals noch keine Basketsfans und in Teilen noch gar nicht geboren waren. Ohne Fusion und Baskets-Neugründung kein Telekom-Sponsoring, ohne Telekom-Sponsoring kein wirtschaftliches Fundament für Spitzenbasketball, ohne dieses Fundament kein Bruno Socé, ohne Bruno Socé vermutlich nicht diese Anfangserfolge und verrückten Fans, ohne die legendären ersten zwei Vizetitel nicht diese Euphorie in der Stadt, ohne diese große bleibende Begeisterung kein langjähriger Telekom-Hauptsponsor und andere Sponsoren – und ohne dieses hartnäckige, aber stille „am Ballbleiben“ erst recht nicht die letzte Grundsteinlegung im Januar 2007 für unsere neue Halle, die dem Bonner Spitzenbasketball eine Zukunft gibt.

Es hätten auch 30.000 Zeichen nur über unser größtes Abenteuer (Hallenplanung und -bau) werden können. Auch wären mindestens 10.000 Zeichen für eine andere – vermeintlich verrückte – Idee und deren Umsetzung aus dem Jahr 2001 angemessen gewesen – „einmal die Kölnarena voll zu machen“. Mit 18.506 Fans ein Zuschauer-Europarekord, der erst 2009 in Belgrad übertroffen wurde.

Unsichtbare Hinterlassenschaft

Die Jahre gehen ins Land. Zeitzeugen der Gründer- und Aufbaujahre werden langsam knapp. Bald nach der Fusion starb GTV-Abteilungsleiter Rüdiger Schulze-Husmann, 1998 Baskets-Präsident Hans Braun, vor Monaten Bruno Socé, und Arvid Kramer lebt seit 2004 in San Diego (USA), Anton Feier seit 1995 in Ungarn. Ich danke allen für ihr großes Engagement in unterschiedlichsten Bereichen. Es heißt, ein guter Trainer geht nie ganz, weil er etwas Unsichtbares hinterlässt. Nicht einen Titel, sondern – zum Beispiel – eine Einstellung, die das Umfeld über den Tag hinaus prägte. Insofern ist Bruno nie gegangen, auch wenn die Zusammenarbeit 2001 endete. Noch heute kreist manches Bruno-Bonmot („Spieler sind Kinder“) um den Frühstückstisch in der Geschäftsstelle.

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Auszug aus #BasketsSpirit, dem aktuellen Saisonmagazin der Telekom Baskets Bonn.

Das Magazin gibt es gegen eine Schutzgebühr von 3,- Euro am Fanshop im Telekom Dome, auf der Baskets Geschäftsstelle und im Baskets Online-Shop.

 

 

 

 

 

 

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