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11.5.1997: Der Wurf vom Parkplatz

Baskets-Historie: Eric Taylor wird zur Legende

Es ist Mai 1997 – Playoff-Time in der 1. Basketball Bundesliga! Die Telekom Baskets Bonn stehen nach nur einer Saison in der deutschen Beletage kurz vor der Verwirklichung ihrer kühnsten Träume: Als Aufsteiger mit Ach und Krach für die Playoffs qualifiziert, dann nacheinander Rhöndorf und Bamberg aus dem Weg geräumt. Im Finale dann das Duell zwischen alter und neuer Hauptstadt. Ein Duell, das über Jahrzehnte nicht nur durch die politische Relevanz, sondern auch durch zahlreiche packenden Begegnungen zur "Mutter aller Spieler" wuchs – dem Klassiker des deutschen Basketballs!

"Wunder-Macher" Bruno Socé (rechts) mit seinem verlängerten Arm Eric Taylor. (Foto: Horizont)

Doch im Finale 1997 traf nicht nur ein Aufsteiger auf die neue Basketball-Macht Deutschlands, die kurz zuvor die Regentschaft des Serienmeisters Bayer 04 Leverkusen beendete, der seit sieben Jahren ununterbrochen die Bundesliga beherrschte. An der Seitenlinie standen sich auch zwei jahrelange Freunde gegenüber: Baskets-Trainer Bruno Socé und ALBA-Coach Svetislav Pesic. Beides Trainer und Verfechter der harten jugoslawischen Basketballschule: Defense first, Offense second! Socé wurde überhaupt erst auf Empfehlung seines Freundes Pesic in Bonn zum Cheftrainer. Socé war zuvor Trauzeuge bei Pesics Hochzeit. 

„Wenn wir Deutscher Meister werden sollten, bin ich zu 70 Prozent begeistert, aber auch zu 30 Prozent traurig“, sagte Socé damals dem General-Anzeiger aus Mitgefühl für seinen Freund Pesic. „Wie es auch ausgehen mag, unsere Freundschaft wird nicht leiden“, so der Baskets-Trainer, der sich als Zeichen der mannschaftlichen Geschlossenheit vor dem Finale die Haare zum Bürstenschnitt rasierte.

Auf dem Feld zeigte sich jedoch schnell das „größere Potential“ Berlins, wie es ALBA-Manager Marco Baldi ausdrückte. ALBA gewann Spiel 1 mit 94:88 (51:40), trotz 27 Punkte von Aufbauspieler Eric Taylor, während in Bonn 3000 Baskets-Fans das Spiel in der Hardtberghalle auf einer Großbildleinwand live verfolgten. 600 waren mit dem ersten Sonderzug der Vereinsgeschichte nach Berlin gereist und hatten ihr Team in der Berliner Max-Schmeling-Halle lautstark unterstützt.

Berlins deutlicher 109:78 (49:39)-Sieg im zweiten Spiel zementierte die Favoritenrolle der Hauptstädter. Besonders von der Dreierlinie sollte den Baskets kaum ein Treffer gelingen. Einzig „Feldmarschall“ Klaus Perwas gelang in den 40 Minuten der einzige Bonner Dreipunktewurf. Selbst Eric Taylor, bereits nach zehn Minuten mit vier Fouls auf der Bank, war mit nur sechs Punkten kein Faktor. ALBA-Coach Svetislav Pesic nahm die schwache Bonner Leistung dankend an und konnte Nationalspieler Stephen Arigbabu 38 Minuten lang auf der Bank lassen.

 

Eric Taylor kehrte 2015 auf den #HEARTBERG zurück und nahm anlässlich des 20. Vereinsjubiläum am Spiel der Legenden im Telekom Dome teil. (Foto: Wolter) 

 

Ein deutlicher Sieg, drei Matchbälle für Berlin, alles sprach für den kurzen Prozess im dritten Final-Spiel in der Hauptstadt. Der 2016 verstorbene und damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle strahlte trotzdem Zuversicht aus: „Bevor man nicht das letzte Spiel gespielt hat, ist noch nicht alles vorbei. Für mich als Bonner war es eine Ehrensache, live dabei zu sein“, und spiegelte dabei die Meinung sämtlicher Baskets-Fans wider, die sich um 2:40 Uhr am Bonner Hauptbahnhof versammelten, um per Sonderzug erneut nach Berlin zu reisen.

ALBA Berlin bereitete sich indes auf die große Meisterfeier vor: Der Sekt war gekühlt, tausende gelbe und blaue Luftballons hingen unter der Hallendecke, kaum jemand zweifelte am 3:0-„Sweep“ der Albatrosse. Zwei Stunden nach Spielbeginn war alles anders: „Es war das erste Mal, dass ich vor Freude weinende Männer beim Basketball gesehen habe“, verriet der langjährige Baskets-Hallensprecher Frank Piontek dem General-Anzeiger. Bonn hatte die Sensation geschafft und Berlin die Party verdorben.

38 Sekunden vor Schluss lagen die Baskets noch mit 75:76 zurück. ALBAs Guard Sasha Obradovic traf nur einen von zwei Freiwürfen zum 75:77. 20 Sekunden verblieben. Eric Taylor, über 39 Minuten mit nur vier Punkten blass geblieben, nutzte den Block von Center Arvid Kramer, setzte aus gut acht Metern Entfernung zum Dreier an – und traf! Berlins letzter Verzweiflungsangriff wurde abgefangen, Auswärtssieg, tosender Jubel der gut 700 mitgereisten Baskets-Fans! Und da die nicht zu ihren Helden aufs Parkett durften, marschierte die Mannschaft von Bruno Socé kurzerhand in den Bonner Block, um Eric Taylors "Wurf vom Parkplatz" und den Sieg wie den Gewinn der Meisterschaft zu feiern.

„Ich war überhaupt nicht nervös, warum auch?“, gab Final-Held Taylor anschließend der Bonner Rundschau zu Protokoll. „Wir hatten uns vorgenommen, ALBA die Feier zu vermiesen. Bei dem letzten Schuss war Gott mit mir. Und jetzt gibt es ein fünftes Spiel!“

Zurück in der Hardtberghalle – das vierte Aufeinandertreffen des Finals – machte Berlin dann souverän den Sack zu (98:81). Was bleibt, ist die Gewissheit, dass Bonn seither der einzige Aufsteiger gewesen ist, dem in seiner Debüt-Saison der Sprung in die Finalserie schaffte. Eric Taylor blieb auch in der nächsten Saison ein Bonner, auch wenn seine Spielzeit 1997/1998 durch eine Knieverletzung überschattet wurde.

 

 

Hintergründe, Ergebnisse, Statistiken und Fotos aus der Saison 1996/1997 sind hier zu finden. >>

 

 

 


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