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„Die Baskets waren meine zweite Familie“

Baskets-Legende Branko Klepac im Portrait

Wenn zum 20. Geburtstag der Telekom Baskets über Bonner Legenden vergangener Zeiten gesprochen wird, darf Branko Klepac nicht fehlen. Niemand lief so oft wie er im Bonner Trikot auf dem Hardtberg auf, kaum jemand zeigte besonders in schweren Zeiten solch einen Kampfgeist auf- und abseits des Feldes.

Klepac ist am BasketsDay ebenfalls im Telekom Dome mit von der Partie. (Foto: Jörn Wolter)

Groß und schlank, während des Gesprächs oft in seinen Gedanken versunken, sitzt Branko Klepac beim Interview in der Geschäftsstelle der Telekom Baskets. Gerade einmal 35 Jahre alt und bereits eine Legende im Bonner Basketball versucht er zwei sehr unterschiedliche Leben in Worte zu fassen.

Alles auf Anfang: Am 14. September 1979 in Speyer geboren wuchs Klepac im naheliegenden Hockenheim auf. Den 14-jährigen beeindruckten die Fähigkeiten seines Cousins Goran auf den kroatischen Freiplätzen. „Er hat mir die Liebe zum Basketball vermittelt. Ich fand ihn als großen Cousin immer cool. Bei unseren Sommerurlauben am Meer wurde auf den Freiplätzen immer Basketball gespielt mit all den Tricks, die dazugehören. Das wollte ich auch können. Mein Cousin hat mir damals ein paar Trainingsstunden gegeben. Da habe ich gemerkt, dass mir Basketball liegt. In Hockenheim stand ich mit meiner Clique bei Wind und Wetter auf dem Platz. Im Winter haben wir erst den Schnee geschippt und dann mit Handschuhen Basketball gezockt.“ Weil es in Hockenheim keinen Basketball-Verein gab, entschied sich Klepac für den TSV Speyer, wo er zunächst in die technischen Grundlagen des Basketballs eingeführt wurde. „Am Anfang wurde mir erst einmal der Linkskorbleger beigebracht“, lacht der 2,07 Meter große Deutsche. „In Speyer waren sie bei meiner Größe ziemlich froh, dass ich da war. Ich bin dann auch bald schon täglich zum Training gekommen.“

Schnell war klar, dass Klepac‘s Talent für eine professionelle Karriere im Basketball bestimmt war. Wo sollte die Reise aus dem beschaulichen Speyer hingehen? Würzburg, Bamberg oder Bonn standen in der engeren Wahl. Für das Frankenland sprach, dass Klepac sich bereits gut mit der jungen, nachrückenden Würzburger Generation verstand - niemand Geringeres als Dirk Nowitzki, Demond Greene, Marvin Willoughby und Co. In Bonn konnte der Power Forward dafür an Wurzeln aus seiner kroatischen Heimat anknüpfen. „Aus meiner Zeit beim TSV Speyer mit der zweiten und ersten Herrenmannschaft unter meinen Trainern Goran Jelisavac und Mirsolav Ragg gab es schon immer diese „Jugo-Connection“. So entstand damals der Kontakt zu Bruno Soce.“ Der damalige Trainer der Telekom Baskets hatte die Bonner Mannschaft 1996 ausgerechnet vor dem unter den Zuschauern sitzenden Klepac mit einem Sieg in Speyer in die erste Liga und als Aufsteiger sensationell ins Finale gegen Berlin geführt. In der Sommerpause 1998 sollte der 18-jährige Schlacks nun sein Können in einem Probetraining unter Beweis stellen. „Ich war sehr nervös. Gunther Behnke und Klaus Perwas waren da, die ich vorher nur aus dem Fernsehen und dem Aufstiegsspiel in Speyer kannte. Im Training habe ich nichts auf die Reihe bekommen. Da dachte ich noch: Ob das was wird?“ Es kann nur von Vorteil gewesen sein, dass Soce seinen neusten Schützling bereits im Frühjahr beim Allstar Game in Oberhausen im Team der U-20-Mannschaft des Südens hatte spielen sehen. Bonn entschied sich für Branko, Branko entschied sich für Bonn. „Ich habe mich in Bonn wegen dieser „Jugo-Connection“ sehr wohl gefühlt.“

Als sich der Rookie am Ende des Sommers auf den Weg in Richtung Bonn machte, bestieg auch der neue Shooting Guard der Telekom Baskets, Hurl Beechum, den Flieger aus den USA, das Epstein-Barr-Virus im Gepäck. Zum Start der Saison 1998/99 lag fast die komplette Baskets-Equipe im Bett; die ersten drei Spiele fanden ohne die Rheinländer statt. An diesen etwas seltsamen Beginn kann sich Klepac noch gut erinnern: „Ich hab dieses Virus damals etwas schneller überstanden als der Rest der Mannschaft und früh viel Spielzeit bekommen. Die erste Saison ist natürlich immer was Besonderes. Für mich persönlich, aber auch für die Baskets. Wir sind damals ins Finale gegen Berlin bis ins fünfte Spiel eingezogen, haben europäisch gespielt.“ Nur 18 Jahre jung kam Klepac am Ende der Saison auf immerhin 17 Einsätze und spielte Seite an Seite mit Mentoren, zu denen er aufblickte. „Die Saison hatte auf jeden Fall Erlebnischarakter. Ich kam vom Dorf in die große weite Welt. Die Mannschaft hat sich super verstanden. Von der Team-Chemie war diese Saison meiner Meinung nach die beste. Wir hatten alte Haudegen wie Gunther Behnke und Steven Hutchinson dabei, die dich auch mal zur Seite genommen und dir ein paar Tipps gegeben haben.“

Acht Jahre in der Basketball-Bundesliga können sehr lang sein. Acht Jahre bedeuten 311 Einsätze und 1311 Punkte im Trikot der Telekom Baskets, bedeuten sieben Viertelfinals, vier Halbfinals, zwei Finalserien gegen ALBA Berlin. Insgesamt drei Trainer hat Klepac miterlebt: Bruno Soce, Pedrag Krunic und Mike Koch. „Mein Verhältnis zu Bruno war immer sehr gut. Er war natürlich sehr streng, aber das zu jedem. Ich hatte das Gefühl, dass er mich fördern wollte und mir auch Vertrauen geschenkt hat. Er hat mich praktisch mit in die Familie aufgenommen, in Kroatien habe ich mal bei ihm übernachtet.“ Ab 2001 stand der frühere Assistenz-Trainer Pedrag Krunic als Headcoach an der Seitenlinie. „Pedrag hat mich in der Rolle des Kapitäns gesehen. Zunächst einmal war ich der Einzige, der drei Sprachen sprechen konnte: Englisch, Deutsch und Serbo-kroatisch. Ich sollte die Mannschaft zusammenhalten, die Kommunikation fördern. Ich denke, Pedrag wollte mich auch weiter entwickeln, damit ich den nächsten Schritt mache.“ Mit 21 Jahren wurde Klepac zum jüngsten Kapitän der Bundesliga ernannt. Der Power Forward blieb der Kopf des Teams für weitere vier Jahre.

Auf den großen Durchbruch ihres Publikumsliebling mussten die Fans in seinen acht Jahren im Rheinland vergeblich warten. „Branx“ trat oft in der zweiten Reihe auf und stellte sich lieber in den Dienst der Mannschaft, sein Karriereschnitt lag bei 4,6 Punkten. „Ich musste mich über meinen Einsatz beweisen. Als meine Stärken würde ich auf jeden Fall meinen Einsatzwillen und Teamgeist nennen. Das sind Charaktereigenschaften, die ich auf dem Feld natürlich zu meinem Vorteil genutzt habe. Damals habe ich mir das ein oder andere Duell mit John Best aus Leverkusen geleistet. Oder gegen Chris Ensminger in Bamberg. Die Spiele waren sehr körperbetont und kämpferisch. Daran habe ich mich gerne aufgerieben.“ Gegen Ensminger und Bamberg hatte Klepac auch mit 20 Zählern punktemäßig sein erfolgreichstes Spiel für die Baskets abgeliefert.

Acht Jahre in der Bundesliga können aber auch sehr kurz sein, wenn zu wenig Zeit für die eigene basketballerische Entwicklung bleibt. Wenn der Wille zu kämpfen und zu siegen da ist, der Körper aber nicht mitspielt. Im Frühjahr 2006 sollte sich Brankos Leben um 180 Grad drehen. „Beim Karnevalsspiel gegen Bamberg waren wir im Anschluss noch unterwegs und am nächsten Tag hab ich gemerkt, mein Bein fühlt sich pelzig an. Da wurde ich medizinisch richtig auf den Kopf gestellt. Nachdem die Diagnose Multiple Sklerose feststand, musste ich eine Entscheidung treffen. Soll ich es unter der Decke halten oder doch lieber an die Presse gehen? Ich hab mich für Letzteres entschieden, weil ich dachte, dass die Fragen so oder so kommen würden. Ich wollte mich nicht immer rechtfertigen oder Ausreden finden müssen. Das wäre zu anstrengend gewesen. Also bin ich offensiv an die Sache herangegangen - was passiert, das passiert.“ Die „Sache“, Multiple Sklerose, ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter. Die Krankheit verläuft in Schüben, das bedeutet Symptome wie Muskelschwäche, Lähmungen oder Sehstörungen können für einen gewissen Zeitraum spontan auftreten, dann aber auch wieder verschwinden.

Dem 26-jährigen Power Forward ist bewusst: Sein früheres Leben im Basketball wird es so nicht mehr stattfinden. Er muss sich von seiner Profikarriere verabschieden. Ganz Basketball-Deutschland nimmt Anteil am Schicksal des jungen Deutschen, als die Telekom Baskets am 12. März 2006 an die Öffentlichkeit gehen. Baskets-Präsident Wolfgang Wiedlich damals: „Wir sind tief betroffen, aber eigentlich fehlen uns die Worte.“ Klepac selbst ist es, der der harschen Realität ins Auge blickt und es auf den Punkt bringt: „Ich werde den Baskets auf dem Spielfeld nicht mehr helfen können. Mein Leben beginnt jetzt neu – außerhalb des professionellen Sports.“

Natürlich ist so ein brachialer Neuanfang immer mit einem mitunter schmerzhaften Abschied verbunden. „Ich hab viel Post bekommen, viele aufmunternde Briefe – besonders auch aus Berlin. Es war das Spiel gegen Berlin, vor dem meine Diagnose bekannt wurde. Von der gesamten Berliner Mannschaft habe ich ein großes, eingerahmtes Bild mit einer Spielszene von mir gegen ALBA geschickt bekommen. Auch die Fans von ALBA Berlin haben mir viel Post zukommen lassen. Es hat mir geholfen zu wissen, dass viele Menschen an mich denken und Anteil nehmen. Das hat mir Kraft gegeben. Besonders emotional war natürlich die Aktion der Bonner Fans nach meiner Diagnose als im Fanblock die Schilder mit „Danke Branko“ hochgehalten wurden. Da war ich den Tränen nahe. Auch das letzte Saisonspiel, wo ich zwar schon auf der Bank saß, aber zum letzten Mal wirklich zum Team gehörte – das war heftig.“

Wie sollte es weitergehen? Die Frage stand im Raum, nachdem sich der 14-fache Nationalspieler nach einer Auszeit, in der er viel reiste und die Heimat seiner Eltern Kroatien besuchte, wieder zurück in Bonn fand. Mit der Unterstützung der Telekom Baskets im Rücken war ein Kontakt zum Hauptsponsor Telekom schnell hergestellt. Das gute Abitur verhalf zum dualen Studium im Ausbildungsprogramm des Bonner Konzerns. Mit dem Bachelor in Business Administration in der Tasche ging es mit seiner Frau Ljubica und seinem sechs Monate alten Sohn Marko auch bald per Nachwuchsförderung für einen Auslandsaufenthalt nach Seattle zu T-Mobile US. Zurück in Deutschland verschlechterte sich sein Gesundheitszustand im Jahr 2011 rapide. Der Grund war eine Virusinfektion im Gehirn (PLM), eine seltene Nebenwirkung des Medikaments, das er zur Behandlung der MS eingenommen hatte. „Es wurde alles Mögliche mit mir gemacht, um den Krankheitsverlauf zu ändern. Aber mir ging es immer schlechter und schlechter. Ich war zuletzt rechtsseitig gelähmt, konnte nicht mehr schreiben, lesen und sprechen. Die einzigen Worte, die mir über die Lippen kamen, waren „Ja“, „Nein“ und die Namen meiner Frau und meines Sohnes“ Doch Branko kämpfte - nicht mehr auf dem Basketballfeld, sondern im echten Leben. „Ich bin erst vor kurzem wieder auf die Beine gekommen. Ich musste wieder gehen und schreiben, richtig sprechen und lesen lernen. Das war eine harte Zeit, auch für meine Familie, die immer hinter mir stand.“ Derzeit absolviert er eine Wiedereingliederung bei der Telekom, nachdem es für ihn gesundheitlich wieder besser läuft. Seit der 35-jährige Familienvater als  alternative Behandlungsmethode die Therapie mit Bienengift entdeckt hat, gab es keine nennenswerten Rückschläge mehr in seinem Krankheitsverlauf. „Mein persönliches Gefühl entscheidet und ich fühl mich gut. Im Moment kann ich auf Medikamente verzichten.“

Auch die Bonner Fans haben Klepac‘s Kämpfernatur nicht vergessen. Im großen Fan-Voting wurde er mit deutlichem Abstand zu einer der zwanzig Baskets-Legenden gewählt. Selbstverständlich wird er am 3. Mai beim „BasketsDay“ auf dem Hardtberg anzutreffen sein, wenn die Legenden aus 20 Jahren Vereinsgeschichte zu einem großen Fest zusammenkommen. „Das wird wie ein großes Klassentreffen, ich freu mich riesig. Die Baskets und die Mannschaft waren wie eine zweite Familie für mich. In den letzten drei Jahren hatte ich aufgrund meiner Krankheit wenig Kontakt zu alten Teamkollegen oder zum Club, weil ich mich so auf meine Reha konzentriert habe. Ich freu mich auf jeden einzelnen. Ich hab mitbekommen, dass Frau Soce da sein wird. Sie hat mich damals im Sommerurlaub so herzlich aufgenommen. Ich freue mich sehr, sie wiedersehen zu können. Die Nachricht über den Verlust von Bruno hatte mich sehr getroffen. Er wird als Trainer und als Mensch immer eine besondere Bedeutung für mich behalten.“

Groß und schlank, während des Gesprächs oft in seinen Gedanken versunken, sitzt Branko beim Interview. Gerade einmal 35 Jahre alt und bereits eine Legende im Bonner Basketball versucht er zwei sehr unterschiedliche Leben in Worte zu fassen.  Auf der einen Seite die Highlights seiner kurzen Basketballkarriere.

„Ich kann mich gut an die herausragenden Momente erinnern. An das große Spiel in der Köln-Arena gegen ALBA Berlin Anfang 2000 oder das fünfte Spiel im Viertelfinale 2002 gegen Bamberg. Wir lagen 2:0 hinten und haben die Serie am Ende noch gewonnen. Im vierten Viertel lagen wir mit 16 Punkten zurück und haben das Spiel noch für uns entschieden. Aleksandar Zecevic hat das Ding beinahe im Alleingang für uns gedreht. So was vergisst man nicht.“

Und mit Blick auf seine Frau und seinen kleinen Sohn, die auch am Tisch sitzen – sein neues, zweites Leben. „Ich merke, der Basketball interessiert mich immer noch sehr. Aber ich hab es geschafft, das emotional für mich abzuschließen. Als die Diagnose MS hieß, habe ich mir gesagt, es bringt nichts Energie zu verschwenden und zu trauern. Ich hab da ziemlich schnell einen Cut gemacht.  Mein neues Leben mit meiner Familie liebe ich auch sehr. Es gibt nichts schöneres, als seinen Sohn aufwachsen zu sehen.“

(Text: Lena Wiemer)

 

Fotos: Jörn Wolter



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