Baskets trauern um Arvid Kramer

Ein Nachruf auf Arvid Kramer, der mit 70 Jahren in Kalifornien starb

Arvid Kramer am 27. April 1996 nach dem 71:70-Sieg gegen den TG Landshut, wodurch die Baskets den Aufstieg in ihrem ersten Jahr perfekt machten. Foto: Friese

Arvid Kramer ist tot. Er starb im Alter von 70 Jahren an einer Sepsis. Die Nachricht war ein Schock für alle, die ihn kannten. Arvid war eine große Galionsfigur des Bonner Basketballs, ein Spieler zum Anfassen, ein Sport-Manager mit Gespür und ein immer wieder gerne gesehener Gast im Telekom Dome. Ein Nachruf von Wolfgang Wiedlich.

In seiner Zeit als aktiver Baskets-Spieler (1995–1997) absolvierte er insgesamt 81 Pflichtspiele: 39 in der Bundesliga, 32 in der 2. Liga und zehn im Pokal. Dabei erzielte er 766 Punkte im Baskets-Trikot, davon 229 in der Bundesliga, 441 in der 2. Liga und 96 im Pokal. In beiden Spielzeiten erreichte Kramer mit den Baskets das Pokal-Viertelfinale und feierte mit ihnen 1997 die erste Vizemeisterschaft. Mit insgesamt zehn Pokaleinsätzen gehört er bis heute zu den erfolgreichsten Baskets-Spielern in diesem Wettbewerb und belegt historisch den siebten Platz bei den meisten Pokalspielen für Bonn. Sein persönlicher Punkterekord im Baskets-Trikot datiert vom 13. Januar 1996: Beim 108:92-Erfolg gegen Oldenburg steuerte Kramer 23 Punkte bei.

Als er 1988 vom Krankenbett weg nach einer schweren Verletzung von Anton Feier, damals in der Basketball-Abteilung des Godesberger TV ein Tausendsassa, verpflichtet wurde, ahnte noch niemand, welchen Wert Arvid für die Entwicklung des Bonner Basketballs haben würde. Zunächst hieß die Nachricht, dass ein ehemaliger NBA-Center nun bei einem deutschen Zweitliga-Club spielte. Es gab Fusionen, Neugründungen (BG Bonn 92), Zwischenstationen (Post-SV Telekom Bonn), und 1995 wieder eine Neugründung (Telekom Baskets Bonn). Und Arvid wanderte immer mit. Zunächst vor allem als Spieler: Leidenschaft, Kämpfernatur, emotionaler Leader, das waren seine Trümpfe. Arvid riss alle mit, und wenn wir zuweilen rätselten, warum wir das alles machen, mussten wir uns nur Arvid auf dem Court ansehen. Und nach dem Schlusspfiff: Arvid war ein nahbarer Mensch, die Fans liebten ihn.

Wir, das waren Anfang der 1990er Jahre der Sportlehrer und Lebenskünstler Anton Feier, Hans Braun (1995 erster Baskets-Präsident), Arvid Kramer als „halber“ Sport-Manager und ich, der zunächst als Bundesliga-Abteilungsleiter fungierte. Unsere auffallendste Eigenschaft war, basketballverrückt zu sein. Einen ausgetüftelten Plan, heute „Masterplan“ genannt, hatten wir nicht und Geld erst recht nicht. Die Devise lautete: Wir machen uns auf, halten durch, machen weiter, immer weiter. Instinktiv taten Arvid & Co. später stets das Richtige, um Schritte vorwärts zu machen und das Herumdümpeln in der zweiten Liga zu beenden.

Die Geschichten von damals klingen wie aus der „Nachkriegszeit“: Trikots wurden zu Hause gewaschen, mit Katzenhotel und Tankstellenblumen wurde zusätzliches Geld verdient, wir agierten mit viel Idealismus und null Business-Plan. Einmal musste Arvid kurz nach Hause, um nach dem Tod seiner Mutter deren Farm  mit 80 Kühen zu managen. Auf den Rängen im Sportpark Pennenfeld grassierte da längst ausgelassene Basketball-Begeisterung. Mit Spielern wie Arvid Kramer, Frank Fankhauser oder Eric Taylor und dem familiären Touch der Organisation konnten sich viele identifizieren.  Als die Deutsche Telekom 1995 zu Zweitliga-Zeiten mit einem Sponsoring begann, wussten wir: Eine solche Chance bekommen wir nur einmal.

Mit 40 Jahren kämpfte Arvid Kramer immer noch unter den Körben. Nach dem Aufstieg in die BBL wurde Arvid mit Taylor, Klaus Perwas & Co. Vizemeister. Die Baskets sind bis heute der einzige Aufsteiger, dem das gelang. Bruno Socé, unser erster Baskets-Headcoach, wachte mit großer Strenge über die Einhaltung von Trainingsplänen und schwörte auf „Defense“, die bis heute zur Identität jedes Baskets-Teams gehört. Disziplin über alles. Mit Arvid, nach 1996/97 hauptamtlicher Sport-Manager, und Bruno Socé prallten jedoch auch gegensätzliche Mentalitäten und Basketball-Kulturen aufeinander. Es war Arvids Verdienst, dass die Baskets nicht durchjugoslawisiert wurden, und Brunos Verdienst, dass er den Club dazu brachte, alles Nötige (Hallenstunden) zu organisieren, damit maximal trainiert werden konnte. Der Lohn war der Aufstieg. Bei Heimspielen konnte einem mancher Gegner schon leid tun: Ab der Mittellinie begann die laufintensive „Bruno-Defense“, die für jedes gegnerische Team die Hölle bedeutete.

Die Baskets professionalisierten sich mit dem Einstieg der Telekom immer weiter. Buchhaltung, Marketing, Budgetplanung. Vielleicht liegt ein Geheimnis unserer sportlichen Erfolge auch darin, dass Arvid und ich in den Aufbaujahren Sparsamkeit gelernt hatten. Wir waren Meister darin, aus wenig viel zu machen. Große Teile der Organisation arbeiteten lange ehrenamtlich. Und wir waren nimmermüde Meister nächtlicher Telefonate über Steine aller Art, die irgendwo im Getriebe lagen. Wir wurden ein eingeschworenes und verschworenes Duo, das den immer größer werdenden Baskets-Zirkus geräuschlos managte.

Arvids Gespür für neue Spieler und Chancen auf dem Spielermarkt wuchs unterdessen und war in der Nach-Socé-Zeit ein großer Vorteil.  Arvid stand auf beiden Seiten: Er verstand die Spieler, aber auch die Nöte der Organisation. Und er wusste: Die Identifikation der Bonner Sportöffentlichkeit mit dem Club war das kostbarste Gut. Deshalb knauserten wir auch nicht bei Sonderzügen zu den vielen Playoff-Finals nach Berlin.

Nachdem er 2005 mit seiner Familie in die USA zurückgekehrt war, riss der Kontakt nie ab. Arvid hatte in der Nähe von San Diego eine Basketballschule gegründet und organisierte mehr als zehn Jugendteams. 2013 lief er mit seinem Sohn Dennis zum Legendenspiel im Telekom Dome auf. Der Verkehrstod von Dennis 2023 war ein schwerer Schicksalsschlag für Arvid. Die gesamte Baskets-Family trauerte mit. Nun ist er selbst gegangen. Ohne Vorankündigung.

Die Baskets und der Basketball-Standort Bonn haben Arvid Kramer viel zu verdanken. Als Spieler, als Sport-Manager, aber vor allem als Mensch. Auch wenn ich nicht mehr im Amt bin: Die Telekom Baskets Bonn verneigen sich vor Arvid Kramer.