Feature: Sechs, setzen!

Vier Jahre scheinen auf den ersten Blick eine lange Zeitspanne zu sein. Doch Basketballer rechnen nicht in Jahren, sie rechnen in Saisons. Auch vier Spielzeiten mögen vordergründig ewig vorkommen, dabei rast die Zeit an den Aktiven Spielern, Trainer, Fans und Funktionären nur so vorbei. Besonders in den USA, wo es nach eben jenen vier Jahren am College kaum sportliche Alternativen gibt, um den besten Zeitvertreib der Welt auf hohem Level fortzuführen. Mit Ausnahme der NBA und der noch jungen Entwicklungsliga NBDL (National Basketball Development League) finden alle anderen niederen, semiprofessionellen Spielbetriebe weit abseits des öffentlichen Interesses statt. Die Rechnung ist einfach: In maximal vier Jahren am College gilt es für amerikanische Talente, sich in die Notizbücher der Scouts zu spielen, um bei der sommerlichen Draft über die Ladentheke zu gehen. Wenn da neben Basketball nicht noch andere Hürden zu bewältigen wären... Auf dem Parkett hat Chris Booker, dieser Tage Center in Diensten von Bonns EuroChallenge-Gegner Novo Mesto, nie Probleme gehabt. Mit hohem Wachstum gesegnet weckte er bereits an der Diamond-Hill Jarvis Highschool die ersten Begehrlichkeiten. Die abgebügelte Weisheit You can’t teach height ist eine der am meisten benutzten Floskeln ... und keine andere entspricht so sehr der Wahrheit. Im östlich von Dallas gelegenen Fort Worth geboren und aufgewachsen wechselte Booker nach vielversprechenden Auftritten an seiner Schule (in seiner letzten Saison legte er 24,0 Punkte und 12,0 Rebounds pro Partie auf) 2000 ans für nordamerikanische Verhältnisse um die Ecke liegende Tyler, Texas ans Junior College. Auch dort legte Booker regelmäßig Double-Doubles auf und weckte damit das Interesse von Gene Keady, der seinerzeit an der renommierten Purdue University das Basketballprogramm leitete. Keady nahm den immer noch rohen, aber mit 2,08m Länge und guter Physis mit Blick auf den Profibereich hochinteressanten Booker unter seine Fittiche. Dank eines Stipendiums, der Big Man versuchte sich im Hörsaal an Soziologie, konnte sich Booker in der starken Big Ten Conference durch seinen Einsatzwillen und gutes Rebounding einen Namen machen. Auf dem Feld gab er den Boilermakers genau die gesunde Härte, die dem Team bis dato gefehlt hatte. Hatte die Keady-Truppe in der Vorsaison noch den Einzug ins NCAA-Tournament spektakulär verpasst, so ritt Purdue auf den breiten Schultern Bookers im Frühjahr 2003 bis in die zweite Runde des Turniers. Zu dieser Zeit war jedoch schon absehbar, dass der damals 21-Jährige mit seinen akademischen Verpflichtungen zu locker umging. Die Noten sanken so rapide, dass sein Stipendium zu kippen drohte. In seiner wichtigsten und letzten College-Saison (2003/2004), an deren Ende er sich für die NBA-Draft anmelden wollte und im Vorfeld als später Erstrunden-Pick gehandelt wurde, bekam Booker die universitären Leistungen einfach nicht in den Griff, was zur Folge hatte, dass er nach nur zehn Spielen (Bilanz: 8-2) aus dem Programm genommen werden musste. Ohne ihren Fels in der Brandung fielen die Boilermakers in ein sportliches Loch, was eine der schlechtesten Spielzeiten der Schulgeschichte und damit verbunden eine Nichtteilnahme am NCAA-Tournament zur Folge hatte. Seither tingelt Chris Booker durch die europäischen Ligen. Seit er 2004 über den großen Teich flog, ging er bereit in sechs verschiedenen Ländern für acht unterschiedliche Mannschaften an den Start. Der Traum von der NBA ist lange ausgeträumt. Doch zumindest kann Booker seine in Purdue angeeigneten Soziologie-Kenntnisse im Umgang mit verschiedenen europäischen Mentalitäten auffrischen auch wenn das nur ein schwacher Trost ist.