Vor einem Jahr: Geisterspiel-Premiere im Telekom Dome

Ein Blick zurück mit Headcoach Will Voigt

Der Hochball im Spiel gegen AEK Athen war gleichzeitig der Beginn der Geisterspiele in Deutschland. (Foto: Wolter)

Nachdem bereits wenige Wochen vorher das Bundesliga-Spiel gegen ratiopharm ulm wegen Orkanwarnung Stunden vor Tipp-Off abgesagt werden musste, folgte die nächste Ausnahmesituation für Fans und Verein. Fünf Stunden vor dem Achtelfinal-Rückspiel gegen AEK Athen kam die Meldung aus Düsseldorf: Das NRW-Gesundheitsministerium verbietet wegen der aktuellen Situation zum Thema Corona-Virus per Erlass gemäß Infektionsschutzgesetz ab sofort alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Zuschauern. Den Baskets kam so die zweifelhafte Ehre zuteil, das erste Basketball-Geisterspiel in Deutschland austragen zu müssen. Neben dem Wettbewerbsnachteil, ohne Zuschauer spielen zu müssen – beim Hinspiel in Athen Tage zuvor waren Zuschauer erlaubt – stellte die Anordnung aus Düsseldorf auch das Team hinter dem Team vor Probleme. So mussten möglichst schnell alle Ticketkäufer informiert werden. Ein Problem vor allem deshalb, weil rund 300 Fans von AEK Athen vor der Halle standen und mit dem behördlichen Ausschluss der Zuschauer nicht einverstanden waren. Eine Eskalation konnte, auch dank der Hilfe von AEK-Offiziellen, glücklicherweise verhindert werden. Das Spiel gegen AEK Athen ging knapp mit 86:90 verloren und war ein Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Monaten bis heute erwartete.

Kurz-Interview mit Will Voigt über ein Jahr Geisterspiele:

Coach, wir nennen die Spiele vor leeren Rängen „Geisterspiele“, also „ghost games“. Hast du das gewusst? Will Voigt: (lacht) "Nein, aber das ist ein ziemlich guter und treffender Begriff. In den USA haben wir gar kein Wort dafür." Was fällt dir ein, wenn du dich an unser erstes Geisterspiel gegen AEK Athen erinnerst? "Ich habe die Entscheidung, dass wir ohne Fans spielen müssen, zuerst gar nicht so intensiv wahrgenommen, weil ich mich am Spieltag so sehr auf das Spiel gegen Athen konzentriert und vorbereitet habe. Ich weiß noch, dass wir eine Woche zuvor unsere ersten Masken erhielten, die wir auf dem Flug nach Athen getragen haben. Aber das Heimspiel war dann echt seltsam. Rückwirkend betrachtet kam es mir sogar noch stiller vor als die heutigen Geisterspiele, weil von einem Moment auf den nächsten die Fans fehlten und wir nur noch die Spieler, Trainer und Bankspieler im Telekom Dome hören konnten." Athen hatte im Hinspiel noch einen echten Heimvorteil und durfte in der gut gefüllten OAKA Olympic Indoor Hall spielen (Fassungsvermögen 18.500 Zuschauer). Macht es für dich mittlerweile überhaupt noch einen Unterschied, ob Fans in der Halle sind oder nicht? "Ja, auf jeden Fall! Es macht einen großen Unterschied. Es ist ein großer Nachteil für Teams wie uns, die ein lautes Heimpublikum haben. Daher finde ich das alles auch so schade." Was hat sich durch die Geisterspiele für dich und das Team verändert? Wie habt ihr euch der Situation angepasst? "Ich hatte das Gefühl, dass sich die Spieler erst daran gewöhnen mussten, die Rolle der Fans zu übernehmen, um ihre Mannschaft anzufeuern. Beim Heimspiel gegen Athen waren sie vielleicht noch etwas gehemmt und verunsichert. Mittlerweile haben wir gelernt, dass es einen großen Effekt hat, wenn wir uns selbst anfeuern – denn solange keine Fans in die Hallen dürfen, wird das niemand für uns übernehmen. Bo [Bogdan Suciu, Physiotherapeut, Anmk. d. Red.] macht das zum Beispiel fantastisch. Außerdem habe ich gelernt, dass ich meiner Mannschaft in der Defense helfen kann, wenn wir vor unserer Bank verteidigen. Ich kann ihnen dann genau sagen, was sie tun sollen, sie auf Dinge hinweisen und eine Art sechster Mann für sie sein. In einer vollen Halle könnten sie mich wahrscheinlich nicht hören. Das betrifft natürlich auch die Schiedsrichter, die nun jedes Wort von uns mitbekommen und dadurch vielleicht sogar schneller Verwarnungen aussprechen." Hättest du dir letztes Jahr vorstellen können, dass wir ein Jahr später immer noch ohne Fans spielen müssen? "Ich hatte damals natürlich keine Ahnung, wie sich die Situation entwickeln würde. Es passierte alles schrittweise: Zuerst kamen die Masken, dann durften keine Fans mehr in die Halle, kurze Zeit später wurde das Training verboten, und zu guter Letzt durfte niemand mehr den Telekom Dome betreten. Und selbst danach wussten wir ja nicht, ob nicht in sechs Wochen vielleicht wieder alles beim Alten sein würde. Sollten wir in Zukunft wieder vor Fans spielen dürfen, wird es uns wahrscheinlich auch erstmal seltsam vorkommen, weil wir schon so lange auf sie verzichten mussten. Aber ich glaube, dass wir dann schnell wieder merken werden, wie wichtig unsere Fans für uns sind. Wir werden ihren Einsatz und ihre Leidenschaft umso mehr zu schätzen wissen. Ich bin auch der Meinung, dass wir viele Dinge, die wir früher für selbstverständlich hielten – wie etwa gemeinsam ein Basketballspiel besuchen zu können –  noch mehr wertschätzen werden!"