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Die frühen wilden Jahre

Die Telekom Baskets Bonn werden in dieser Saison 20 Jahre alt. Baskets-Präsident und Zeitzeuge Wolfgang Wiedlich erinnert sich an die Jahre, als das Fundament des Clubs entstand.

Im letzten Viertel unserer 19. Erstliga-Saison (2014/15) wird ein Jubiläum liegen: 20 Jahre Telekom Baskets Bonn. Deshalb erteilte mir unser Pressesprecher Jörg Bähren während der Sommerpause einen Auftrag: 30.000 Zeichen – und einen kleinen Trost hatte er auch parat: inklusive Leerzeichen! Nun, der Titel würde der Baskets-Geschichte nicht ganz gerecht, denn die Baskets wurzeln in Bonn tiefer als bis zum Jahr 1995. Zwei Clubs und viele Personen haben fast 25 Jahre Vorarbeit geleistet und viel Know-how angehäuft, bevor die Telekom Baskets einen fulminanten Anlauf ins Basketball-Oberhaus nahmen. Diese „Aufbaujahre“ werden hier nur kurz beleuchtet, aber  – irgendwann – in einem geplanten Bildband ausführlicher.

Am 27. April 1995 gehen also Hans-Günter Roesberg und ich, jeder hat seinen Personalausweis im Handgepäck, zu einem Notar am Friedensplatz und lassen unseren neuen, Wochen zuvor gegründeten Verein „veroffizialisieren“: ins Vereinsregister eintragen. Es war die vorletzte Grundsteinlegung, von der wichtige Impulse für die Zukunft des Bonner Spitzenbasketballs ausgehen sollten. Am 20. März 1995 hatten sich zur Gründungsversammlung im Restaurant des Sportparks Pennenfeld getroffen (in Klammern die Vorstandsämter): Frank Piontek, Wolf-Dieter von Berchem, Arvid Kramer (Sport-Manager), Karsten Schul (Jugendwart), Saskia Piontek, Wolfgang Wiedlich (2. Vors. und Abt.Ltr. Bundesliga), Hans-Günter Roesberg (1. Vorsitzender und Abt.Ltr. Amateure/Jugend), Wolfgang Kaes, Engelbert Hoischen (Sozialwart), Dr. Hans Braun (Präsident). In Abwesenheit wurden Helene Wiedlich zur Kassenwartin und Michael Jansen zum Pressesprecher gewählt.

Dr. Hans Braun war die neutrale Person, die den Bonner Spitzenbasketball zusammenführte. 1995 wurde er Baskets-Präsident.

Psychologische Herkulesaufgabe

Das hört sich an, als hätten die Baskets damals nicht in der 2. Liga, sondern bei null, also in der 3. Kreisliga angefangen. Da unten fingen aber unsere Vorvereine an: Tatsächlich begann unsere Geschichte somit schon 1970, als die Basketball-Abteilung des Godesberger TV e.V. gegründet wurde und drei Jahre später die des SC Fortuna Bonn e.V., was bedeutete, dass Basketball in einem Großverein betrieben wurde, dessen Schwerpunkte beim Turnen (GTV) oder Fußball (Fortuna) lagen. 1991 planten diese beiden Basketball-Abteilungen, die größten in Bonn, nachdem sie jahrelang in aufrichtiger Konkurrenz zueinander gestanden hatten, das Unvermeidliche, aber Unerhörte zu tun: zu heiraten. Die Presse titelte „Elefanten-Hochzeit“. Tatsächlich war die Hochzeit eine Fusion, um einen reinen Basketballverein zu gründen: den Basketball-Gemeinschaft (BG) Bonn 1992 e.V., kurz BG Bonn 1992. „Wer die Eitelkeiten in Vereinen kennt, kann erahnen, was das für eine psychologische Herkulesaufgabe war“, sagte mir einmal ein befreundeter „Vereinsexperte“.

Doch das gelang 1991/92, indem eine neutrale Person den neuen Club anführte: Dr. Hans Braun wurde zum Präsidenten der BG Bonn 92 gewählt. Es begannen bewegte und abenteuerliche Jahre. Im Hintergrund arbeiteten Fortunen (Bernd Schulte zur Wißen und ich) und GTV-er (Anton Feier und Arvid Kramer) jetzt in einem Club zusammen, während der damalige GTV-Abteilungsleiter Rüdiger Schulze-Husmann gegen die Fusion war – und ausschied. Bald zeigte sich, dass die Fusion zwar sportlich richtig war, aber den Basketball nicht auf ein neues wirtschaftliches Level hievte. Die alten Probleme blieben die neuen, zumal die BG Bonn 92 auch hochklassige Damen-Basketball-Teams zu finanzieren hatte.

Was genau die handelnden Personen 1994 motivierte, erneut einen Vereinswechsel anzustreben, ist eine eigene spannende Episode. Jedenfalls wechselte der gesamte männliche Bereich zur Saison 1994/95 zum Post-SV Bonn, und die Deutsche Telekom (DT) sponserte mit 256.000 DM – ein Pflichtsponsoring nach den Regeln der Postsport-Vereine Deutschlands, die die Telekom von ihrer einstigen „Mutter“, der Deutschen Bundespost, geerbt hatte.

Wenn unterschiedliche Philosophien aufeinandertreffen...
...muss lautstark geschlichtet und geduldig zugehört werden.

Seriosität und vieles mehr

So geht es 1994/95 in eine Zweitliga-Saison unter dem Dach des Post-SV Telekom Bonn. Einer der Gegner hieß Rhöndorfer TV, der 1994 mit Mäzen Franz-Ludwig Solzbacher im Rücken zielstrebig die 1. Bundesliga ansteuerte. Es wurde eine Saison, in der Eric Taylor endgültig zum Publikumsliebling wurde und gemeinsam mit John Ecker (Headcoach) und Galionsfigur Arvid Kramer (zugleich Sport-Manager) eine Basketballbegeisterung erzeugte, die den Sportpark Pennenfeld regelmäßig in Euphorie versetzte. Den Höhepunkt bildeten die Lokalderbys Bonn-Rhöndorf, wobei Bonn das wirtschaftlich und auch sportlich schwächere Team war. Rhöndorf wurde schließlich Zweitliga-Meister und stieg in die Veltins-Bundesliga auf.

In der weiten Welt der deutschen Postsport-Vereine zeichnete sich indes ab, dass die Deutsche Telekom AG das  Sportsponsoring nach dem Gießkannen-Prinzip einstellen würde. Die Basketballbegeisterung im Sportpark Pennenfeld, so lässt sich heute rückblickend vermuten, hatte den Konzern jedoch inspiriert, in Bonn ein Standort-Sponsoring-Projekt aufzulegen. Voraussetzung: Es musste ein eigener Club gegründet werden. Somit schlägt bald die Geburtsstunde des Telekom Baskets Bonn e.V., dessen 20. Geburtstag wir 2015 feiern werden. Das Projekt war auf zwei Jahre angelegt, in denen der Club den Erstliga-Aufstieg schaffen sollte.

Im verschworenen Innercircle der Baskets waren die handelnden Personen fast die selben, die einst die Fusion bewerkstelligten. Allen war bewusst, dass dies eine Chance für den Bonner Basketball bedeutete, die man nur einmal erhält. Was war zu tun? Vor allem: keine Fehler machen! Ferner: Ein hauptamtlicher Headcoach sollte „es“ machen, und unser bisheriger Cheftrainer John Ecker, Ehemann von Gold-Weitspringerin Heide Rosendahl und im Hauptberuf Lehrer, hatte bereits signalisiert, dass er das „aus zeitlichen Gründen nicht machen kann“.

Die Meinungen darüber, wer diese Schlüsselposition besetzen sollte, gingen auseinander, weit sogar. Hans und ich favorisierten einen kompletten Neustart, Arvid tendierte zu einem US-Coach. Ein Kandidat: Bruno Socé. Er war mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan geflohen. Er hatte sein Zwischenlager in Weiden in der Oberpfalz aufgeschlagen und wartete auf eine Traineraufgabe. Im „Maritim“ stellte er gemeinsam mit Svetislav Pesic, beide spielten einst in der jugoslawischen Nationalmannschaft, viele Fragen, und der Name „Telekom“ stand als Pro-Bonn-Argument an sich. Er versprach wirtschaftliche Seriosität und vieles mehr; jedenfalls düngte er die Fantasie der Außenstehenden. Dann demokratischer Mehrheitsentscheid pro Bruno. Arvid trug die Entscheidung mit Fassung – und Solidarität. Der 39-jährige ehemalige NBA-Profi ahnte in den Frühlingstagen 1995 noch nicht, wie sehr er in seiner ganzen Basketball-Lebensart dem unbekannten Kroaten gleichen sollte. Ehrgeiz, Leidenschaft, Disziplin. Genaugenommen: Beide wussten es nicht.

Arvid Kramer und Jan Rohdewald kämpfen im Sportpark Pennenfeld um den Aufstieg.

Durchgelaufene Schuhe

Im Projektjahr eins tragen wir „Scall“ auf der Brust, ein Pagerdienst. Was war/ist ein Pagerdienst? Wikipedia: „Ein Funkmeldeempfänger (FME) – auch Pager, Personenrufempfänger oder Funkrufempfänger – ist ein kleiner tragbarer Funkempfänger, der im Rahmen eines Funkdienstes üblicherweise zu Alarmierungszwecken sowie zur Nachrichtenübermittlung an Personen eingesetzt wird. (...) Der Pagerdienst erfreute sich Mitte der 1990er Jahre einer gewissen Beliebtheit, als telefonieren über Mobilfunk noch nicht verbreitet war.“

Bruno Socé und Arvid Kramer gehörten gebürtig Ländern an, von denen jedes auf seine Art glaubte, den Basketball erfunden zu haben. Das war mir damals auf Anhieb noch nicht klar, aber es wurde mir im Frühling 1995 zunehmend bewusster. Die beiden mussten zusammenarbeiten, durften auch bis in die Nacht streiten, aber am Ende musste eine Mannschaft stehen, die im Projektjahr eins den Aufstieg schafft. Warum schon in Jahr eins? Weil wir in Jahr zwei keinen Stress haben wollten, dann möglicherweise angesichts riesigen Erfolgsdrucks verkrampfen und letzten Endes scheitern würden. Vielleicht hätte es keine zweite Chance gegeben.

Es war 1995 nicht einfach zwischen Bruno und Arvid. Manchmal moderierte ich, denn Hans arbeitete in Berlin, später in München. Vereinfacht standen sich System- und Kreativ-Basketball gegenüber, oder polemischer: „Apparatschik-Basketball“ contra „Streetball“. Es wurde im Frühling 1995 ein zäher Kampf. Das erste Hindernis bildete ausgerechnet Publikumsliebling Eric Taylor, ein Amerikaner. Bruno war nicht sein eifrigster Fürsprecher. Andererseits: Wir legten unser Veto ein. Außerdem musste Bruno mit der festgelegten Team-Summe auskommen – basta. Kein Verhandlungsspielraum. Deshalb spielte auch Arvid als 39-Jähriger noch Center. Bruno, Ex-Center (2,06 m), mochte Arvid als Center (2,06 m). Immerhin. Eines Tages sagte er auch „Okay“ zu Taylor. Weitere Korsettstangen wurden Klaus Perwas, der deutsche Backup-Playmaker im Nationalteam, die Gebrüder Rohdewald (Jan und Götz) und Haug Scharnowski, ein weißer Amerikaner und Reboundkönig. Und dann war da noch Farsin Hamzei, der aus dem Iran unter Khomeini geflohen war. Etatzwänge: Bruno ließ ihn unter großen Zweifeln „mitmachen“ als Perwas-Backup. Über Baskets-Gründungsmitglied Karsten Schul wurde nicht diskutiert, offenbar hatte Karsten auf die alles entscheidende, grundsätzliche und mit großem Ernst gestellte Frage des Cheftrainers „Kannst und willst Du Abwehr spielen?“ eindeutig und überzeugend mit „Ja“ geantwortet.

Spieler von damals erinnern sich, wie etwa Jan Rohdewald: „Jedenfalls habe ich in keiner Saison so viele Schuhe durchgelaufen wie damals.“ Er meint die Socé-Jahre. Andere bestätigen das. Der Kottenforst wurde laufend erobert. 40 Minuten knallharte Defense erforderten eine gewisse konditionelle Ausdauer.

Auch ich hatte 1995 eine Aufgabe. Es fällt mir schwer, über mich selbst zu schreiben. In der Jubiläumsschrift des Basketballkreises Bonn (1975 bis 1995) finde ich folgende Passage über mich: „Der 39-jährige Journalist glaubt, daß man »sportliche Filetstücke nicht auf Pappkarton servieren kann«, wenn man für eine Sportart begeistern will. In der Ausgabe Nr. 38/1995 des Fachmagazins »Basketball« meint er, daß der Hallensprecher »nur unwesentlich schlechter als der Spielmacher« sein dürfe. Wiedlich hat sich dem Ziel verschrieben, Basketball in Bonn zur Zuschauer-Sportart Nr. 1 zu machen.“ So wird es wohl gewesen sein, und natürlich erinnere ich mich noch sehr gut an den Versuch, Frank Piontek, den Hallensprecher aus der Ringer-Bundesliga-Bude des TKSV Bonn-Duisdorf zum Basketball zu lotsen. Es war ein Tipp von Andreas Boettcher. „Fränkie“ wehrte sich vehement, war dann aber nicht nur Baskets-Gründungsmitglied, sondern wurde irgenwann von der 1. Liga zum besten Hallensprecher gekürt. Ja, so war das, und später sagte „The Voice“ uns „ade“ und wurde vom FC Schalke 04 abgeworben – und sprach vor 80.000. Längst ist „Fränkie“ zurück bei den Baskets.

Ungeschlagen Meister der 2. Liga Nord: Das Baskets-Team 1995-1996.

„Wir sind drin!“

Es ging also 1995 los unter Bruno. Und wie. Der Begriff „Defense“ und alles, was wir damit bisher verbanden, bekam eine neue Dimension. Später sollte das so aussehen: Der Gegner griff an,  zwei, drei Pässe, manchmal vier oder fünf – und der Ball war wieder bei den Baskets. Nicht immer, aber oft. Mit Eric Taylor, Klaus Perwas und Arvid Kramer hatten wir für Zweitliga-Verhältnisse überdurchschnittlich starke Individualisten, aber als noch überdurchschnittlicher entpuppte sich das Team an sich. Bonn spielte 1995/96 in der 2. Liga Nord eine Rolle, wie sie später Berlin oder Bamberg in der 1. Liga spielten. Wir erlebten einen Headcoach, der schnaufte und brüllte, wild am Spielfeldrand gestikulierte, der in Auszeiten Dinge auf den Boden schleuderte und dem Zuschauer das Gefühl gab: Da möchte ich jetzt lieber nicht stehen. Einer von ihnen war ein wahrer Zauberer: Farsin Hamzei, unser Exil-Iraner und Medizinstudent, spielte Pässe, die Zuschauer von den Sitzen rissen. Kam einer nicht an, weil ein Mitspieler nicht damit rechnete, schimpfte Bruno wie ein Rohrspatz. Deshalb durfte Hamzei meist nur in den letzten Spielminuten ran. Schade eigentlich.

Mitten in der Rückrunde Auswärtsspiel in Hamburg. Das Hamburger Abendblatt textete am 19. Januar 1996: „Der Bericht aus Bonn enthält wenig Hoffnung für den BC Johanneum: 15 Spiele, 15 Siege, 30:0-Punkte.“ So blieb es bis Ende der Saison. Ohne Niederlage Zweitliga-Meister. Dann wartete die Relegationsrunde, auch die wurde zum Triumphzug. Am 27. April 1996 ist der Sportpark Pennenfeld proppevoll: Das letzte Relegationsspiel gegen die TG Landshut hatte für die Baskets keine Bedeutung mehr, aber für den Gegner. Bonn siegte 71:70 und sicherte damit Braunschweig den Erstliga-Klassenerhalt. Danach Party auf dem Spielfeld. Die Freude war überschwenglich. Baskets-Präsident Hans Braun applaudierte gemeinsam mit der damaligen Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann und Telekom-Chef Ron Sommer. Die Fans jubelten und tranken bis weit nach Mitternacht. Und von uns fiel eine große Last ab.

Nach der Party griffen wir in die Tasten und verfassten eine Schwarz-Weiß-Broschüre mit dem Titel „Wir sind drin!“. Dort wurde ich zu unseren Erstliga-Zielen zitiert: „Keine Fahrstuhl-Mannschaft werden, d.h. den Klassenerhalt schaffen. Alles andere wäre vermessen.“ Ich hatte mich schlau gemacht: „Seit den 60-er Jahren hat erst ein Aufsteiger gleich im ersten Erstliga-Jahr den Sprung in die Playoffs geschafft und zwar Oberelchingen 1994/95.“ Wie ich mich irren sollte.

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Auszug aus #BasketsSpirit, dem aktuellen Saisonmagazin der Telekom Baskets Bonn.

Das Magazin gibt es gegen eine Schutzgebühr von 3,- Euro am Fanshop im Telekom Dome, auf der Baskets Geschäftsstelle und im Baskets Online-Shop.

 

 

 

 

 






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